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Welche Theologie bestimmte Lorenz Jaegers bischöfliches Handeln?

Angesichts des enormen Umfangs des Nachlasses von Lorenz Kardinal Jaeger wird sich dessen Aufarbeitung über mehrere Jahre erstrecken. Daher werden thematische Schwerpunkte gebildet. Die erste von fünf geplanten Fachtagungen in der Katholischen Akademie Schwerte widmete sich im August 2018 Lorenz Kardinal Jaeger als Theologen.

Das theologische Denken des Paderborner Erzbischofs

Zur ersten Fachtagung des Forschungsprojekts „Lorenz Kardinal Jaeger(1892-1975)“ versammelten sich vom 30. August bis zum 1. September 2018 ca. 40 Historiker/innenund Theologen/innen aus ganz Deutschland in der Katholischen Akademie Schwerte. Geleitet wurde die Tagung von Nicole Priesching (Paderborn) in ihrer Funktion als Vorsitzende der Kommission für Zeitgeschichte im Erzbistum Paderborn, die für das biographische Forschungsprojekt Verantwortung zeichnet. Es war die erste von insgesamt fünf Fachtagungen, die im Jahresabstand stattfinden werden.

Theologische Wurzeln

Klaus Unterburger (Regensburg) eröffnete die Reihe der Vorträge mit einem Blick auf Jaegers theologische Verortung. Zwei Faktoren prägten die Theologie an der Paderborner bischöflichen Lehranstalt: Zum einen ermöglichte das Ende der Kulturkampfgesetzgebung die Rückkehr zu den universitären Standards in Bezug auf Professionalisierung und Institutionalisierung. Zum anderen sah die Modernismuskrise die Theologie in einer gefährdeten Mittelposition zwischen päpstlicher Verurteilung und historisch-kritischer Hinterfragung der Glaubensgrundlagen. Dies spiegelt sich im Werk wichtiger Lehrer Jaegers, wie etwa Norbert Peters und Bernhard Bartmann. Im dritten Semester wechselte Lorenz Jaeger an die Universitätnach München, um sich dort auch für das gymnasiale Lehramt zu qualifizieren. Dort prägte ihn die Würzburger psychologische Schule um Oswald Külpe und Neuansätze einer christlichen Pädagogik. Nach dem Krieg, den Jaegers Paderborner Lehrer vielfach publizistisch unterstützten, schloss er seine Studien eher notdürftig ab, ergänzte sie aber später in Münster zur Vorbereitung auf das Lehramt vor allem am historischen Seminar. Themen und Erfahrungen seiner Studienzeit haben Jäger ein Leben lang begleitet.

Im Anschluss referierte Nicole Priesching (Paderborn) über die Situation in der theologischen Ausbildung in Paderborn unter dem Episkopat Jaegers. Dabei nahm sie die Entwicklungen der Priesterausbildung an der „Erzbischöflichen Philosophisch-Theologische Akademie“ (seit 1966 Theologische Fakultät), parallel zur Lehrerausbildung an der „Pädagogischen Akademie“(seit 1962 Pädagogische Hochschule), bis zur Paderborner Universitätsgründung 1972 in den Blick. Jaeger unterhielt sehr gute Beziehungen zu beiden Akademien. Allerdings wehrte er sich in den 1960er Jahren gegen die Ermöglichung einer „Habilitation für Laien“, da diesen die „religiös-aszetische Durchbildung“ fehle. Sein Ideal von katholisch durchformten Lehrern in katholischen Schulen wurde zunehmend von der allgemeinen Entwicklung im Bildungsbereich überholt. Die Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzils spielte für Jaegers Positionen im Bildungsbereich keine Rolle.

Christian Kasprowski (Paderborn) gab einen Überblick über die 200 Hirtenschreiben im langen Episkopat Jaegers von 1941-1973. Da im Nachlass Jaegers die Entwürfe zu seinen Hirtenbriefen fehlen, lässt sich leider nichts über ihre Genese sagen. Festgehalten werden kann aber eine Kontinuität im pastoralen und seelsorglichen Bereich. Die ausführlichen Fastenhirtenschreiben sind eine Säule in Jaegers pastoralem Wirken. Zu aktuellen, gesellschaftlichen und politischen Themen findet sich in Jaegers Hirtenbriefen wenig. Das Abtreibungshirtenwort von 1971 stellt hier eineAusnahme dar. Für die Ermittlung eines theologischen Profils sind die Hirtenbriefe Jaegers eine Quellengattung, die eher dort spricht, wo sie schweigt. So ist das Fehlen von Hirtenschreiben, die direkt auf das Zweite Vatikanische Konzil Bezug nehmen, auffällig.

Doppeltes Spiel?

Wilhelm Damberg (Bochum) sprach am 50. Jahrestag der Königsteiner Erklärung über Kardinal Jaeger und die Enzyklika Humanae Vitae vom 25. Juli 1968. Jaeger hatte zu seinem Namenstag am 10. Aug. von Papst Paul VI. ein Glückwunschschreiben erhalten, auf das er zehn Tage später mit einem Dankschreiben mit Bezug auf die Enzyklika antwortete. Dies war die einzige Stellungnahme aus Deutschland, die im Osservatore Romano abgedruckt wurde, aber ohne den Hinweis auf die geplante Königsteiner Erklärung, was Jaeger in den Verdacht rückte, ein doppeltes Spiel zu führen. Im Erzbistum führte dies zu Irritationen und es machte der sog. „Hagener Brief“ die Runde, der von der Deutschen Bischofskonferenz eine praktische Hilfestellung zur Enzyklika verlangte. Jaeger stimmte am 30. Aug.1968 der Königsteiner Erklärung, die die Enzyklika zu einer Gewissensentscheidung machte, zu. Der Kardinal bedankte sich in einem offenen Rundschreiben vom 27. Okt. 1968 für alle Zuschriften in der Sache und verwies auf Erklärung der nationalen Bischofskonferenz und im Übrigen auf die Schriften des damaligen Münsteraner Bischofs Joseph Höffner.

Den Freitag eröffnete Jörg Seiler (Erfurt) mit einem Überblick über Lorenz Jaeger als Mitglied der Bischofskonferenz. Von Jaeger sind umfangreiche Konferenzmitschriften überliefert. Als Vorsitzenden der Kommission I (Glaubensunterweisung und Glaubensüberwachung; 1968: Glaubens-und Sittenlehre) interessierten ihn vornehmlich ökumenische Fragen. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wird dieser Bereich unter Jaeger zu einer eigenen Kommission aufgewertet. Darüber hinaus engagierte er sich v.a. für den Bereich Wissenschaft, Akademikerarbeit und Kultur (seit 1968 Kommission XII). Seiler sieht in den 1950er Jahren den Höhepunkt der bischöflichen Wirksamkeit Jaegers innerhalb der Bischofskonferenz. Er war und blieb ein konservativer Oberhirte, auch im Bereich der Ökumene, der entschieden Prozesse laikaler und professoraler Selbstermächtigung nach dem Konzil oder Demokratisierungsforderungen zurückwies. Jaegers Einfluss innerhalb der Bischofskonferenz war in dieser Zeit aber wohl schon gering.

Das Konzil und seine Umsetzung

Im Anschluss daran fragte Stefan Knops (Bochum) in seinem Beitrag, inwiefern Lorenz Kardinal Jaeger die vom Zweiten Vatikanischen Konzil entwickelte Ekklesiologie in seiner Diözese rezipierte, besonders hinsichtlich der Verhältnisbestimmung von Priestern und Laien. Während er diese Thematik in seinen zahlreichen Ansprachen, Predigten und Hirtenschreiben nur zurückhaltend aufgriff, wurden die entsprechenden Diskurse an anderer Stelle geführt, etwa im Priesterrat des Erzbistums. Jaeger bemühte sich, in der Diskussion mit seinen Priestern ein klar konturiertes Priesterbild zu erhalten, das von einer gewissen Absonderung von den Laien gekennzeichnet war. Die in den 60er und 70er Jahren um sich greifende diesbezügliche Rollenunsicherheit verstand er nur begrenzt und wandte sich eindeutig gegen entsprechende Problematisierungen. Beim Klerus des Bistums führte das nicht selten zu Resignation.

Joachim Schmiedl (Vallendar) referierte vor und nach der Mittagspause in einem Doppelvortrag über „Kardinal Jaeger und das Zweite Vatikanische Konzil“. Im ersten Teil ging es um die Vorbereitungsphase des Konzils. Lorenz Jaeger reichte zwei Voten zur Themenfindung des Konzils ein. Zentrales Thema sollte die Ökumene im Kontext einer erneuerten Ekklesiologie und einer Sensibilität für die Fragen der Zeit sein. Auf die Initiative Jaegers geht die Gründung des Sekretariats zur Förderung der Einheit der Christen zurück. In der Vorbereitungsphase zeichnete der Paderborner Erzbischof für Vorlagen zur hierarchischen Struktur der Kirche und die Mischehen verantwortlich. Ebenso sprach er sich für eine Verstetigung des Sekretariats über das Konzil hinaus aus.
Im zweiten Teil seines Vortrags ging Schmiedl auf Jaegers Beiträge während des Konzils ein. Aus den vier Sitzungsperioden des Konzils selbst liegen 31 schriftliche und mündliche Beiträge Jaegers vor. Auch hier war der ökumenische Gesichtspunkt seine durchgängige Perspektive, die er mit Blick auf die Liturgie, die Offenbarung, die Ostkirchen, die Kollegialität der Bischöfe und das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen einbrachte. Jaeger äußerte sich auch zu den Priestern und ihrer Ausbildung, zu einer stärker auf die Vorläufigkeit der Welt auszurichtenden Tendenz der Pastoralkonstitution und legte ein engagiertes Plädoyer für die Religionsfreiheit vor.

Mit liturgischen Reformen wurde Lorenz Jaeger in seinem Leben in unterschiedlichen Situationen konfrontiert, wie Georg Pahlke (Paderborn) feststellte. Als Gruppen-und Gaukaplan des Bundes Neudeutschland in Herne und Dortmund lernte er die Liturgische Bewegung als für die katholische Jugendbewegung wichtige spirituelle Bereicherung kennen und schätzen. Als junger Bischof wurde er in die Anfang der 1940er Jahre tobende Auseinandersetzung um die Liturgische Bewegung hineingezogen und verteidigte sie gegenüber seinen Mitbrüdern im bischöflichen Amt, indem er ihre „meritorische Bedeutung“ herausstellte. Als Konzilsvater und Diözesanbischof setzte er die vom Zweiten Vatikanischen Konzil beschlossenen Reformen möglichst unmittelbar und beschlussgetreu um, ohne sich aber als Motor der Reform zu betätigen. Das überließ und übertrug er weitgehend seinem Weihbischof Paul Nordhues.

Der berühmte Fotograph der Politiker und Päpste Josef Slominski (Künstlername SLOMI) ließ als Zeitzeuge Erzbischof Jaeger im Bild lebendig werden. Slomi war am Freitagabend in einem öffentlichen Teil unter dem Motto „Durch die Kamera betrachtet“ zu Gast. Eingeleitet und vorgestellt von Barbara Stambolis (Paderborn) und Markus Leniger (Schwerte) berichtete er über seine fotografische Arbeit mit Lorenz Jaeger, zeigte viele Aufnahmen und stellte sich den Fragen des Publikums.

Am Samstag referierte Stefan Voges (Aachen) über „Die Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland“. Die Synode von 1971 bis 1975 war in der Biographie Lorenz Kardinal Jaegers ein Randereignis, da er nur bis zur dritten Vollversammlung im Januar 1973 – er trat altersbedingt von seinem Bischofsamt zurück – an der Kirchenversammlung teilgenommen hat. Voges zeigte in seinem Beitrag, dass die Haltung des Paderborner Erzbischofs zur Synode als kritisch loyal charakterisiert werden kann. Im Hinblick auf seine Diözese förderte Jaeger die Verbindung des Erzbistums zu der in Würzburg tagenden Synode. In der Sachkommission X arbeitete er als Ökumene-Experte an der Vorlage „Pastorale Zusammenarbeit der Kirchen im Dienst an der christlichen Einheit“ mit und sprach sich insbesondere für eine hinreichende theologische Grundlegung des Papiers aus.

Konservativ und loyal zu Rom

Schließlich verfolgte Dominik Burkard (Würzburg) Jaegers Spuren nach Rom und legte dessen römisches Netzwerk bis in die zweite Hälfte der 1950er Jahre frei. Dabei zeigte sich ein selbstbewusster, kluger Stratege mit ausgeprägtem Instinkt undguter Menschenkenntnis. Das theologische Profil muss bereits in dieser Zeit als dezidiert „konservativ“ bezeichnet werden. Die starke Betonung von Mariologie und Marienfrömmigkeit dürften zwar der Linie Pius XII. geschuldet gewesen sein, doch ging Jagers Haltung über die einer bloßen „Gefolgschaft“ hinaus, wie insbesondere seine Initiative für die Ausschreibung eines Ablasses anlässlich des Immaculata-Jubiläums 1954 zeigt. Sein Ökumene-Verständnis bewegte sich damals ganz auf der (üblichen) Linie einer Rückkehr-Ökumene. Andererseits versuchte Jaeger die römische Kurie von Schritten abzuhalten, die sich negativ auf die positive Wahrnehmung des Katholizismus auswirken konnten.

In der abschließenden Diskussion wurde deutlich, dass sich Kardinal Lorenz Jaeger nicht einfach einem theologischen Lager zuordnen lässt. Jaeger war kein wissenschaftlicher Theologe, sondern die Theologie gehörte für ihn zur Ausübung seines Lehr-und Hirtenamtes. Er war aufmerksam gegenüber den aktuellen Tendenzen seiner Zeit, handelte aber als konservativer Pragmatiker. Er vermied extreme Entscheidungen und war loyal gegenüber Rom.

Gisela Fleckenstein/Nicole Priesching

Konferenzübersicht:

Klaus Unterburger: Herkunft als Zukunft. Strömungen und theologische Schwerpunkte im Studium Lorenz Jaegers

Nicole Priesching: Jaeger und die Entwicklungen in der theologischen Ausbildung

Christian Kasprowski: Jaeger und seine Hirtenschreiben. Ein Überblick

Wilhelm Damberg: Kardinal Jaeger, Humanae Vitae und die Königsteiner Erklärung

Jörg Seiler: Lorenz Jaeger als Mitglied der Bischofskonferenz. Ein Überblick

Stefan Knops, „Weltkinder“ ohne aszetische Formung? Kardinal Jaeger und die „Laien“ nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil

Joachim Schmiedl: Kardinal Jaeger und das Zweite Vatikanische Konzil Teil I: Seine vorbereitenden Voten und die Mitarbeit im Sekretariat Bea
Kardinal Jaeger und das Zweite Vatikanische Konzil Teil II: Seine mündlichen und schriftlichen Beiträge während des Konzils

Georg Pahlke: Von der liturgischen Bewegung zur Liturgiekonstitution –Lorenz Jaeger und die Reformen im Erzbistum

Stefan Voges: Lorenz Kardinal Jaeger und die Würzburger Synode

Dominik Burkard: Informanten, Türöffner und Agenten. Erzbischof Jaeger und seine (frühen) römischen Kontakte

Der Tagungsband erscheint im Sommer 2019.