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Der Seelsorger Lorenz Jaeger im Mittelpunkt der vierten Fachtagung

Zur vierten Fachtagung des Forschungsprojektes „Lorenz Kardinal Jaeger (1892-1975)“ der Kommission für kirchliche Zeitgeschichte im Erzbistum Paderborn trafen sich 30 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in der Katholischen Akademie in Schwerte. Unter der Leitung der Kommissionsvorsitzenden Nicole Priesching (Paderborn) wurden acht Fachvorträge gehört und diskutiert. Nach Jaeger als Theologe (2018), als Ökumeniker (2019) und als Kirchenpolitiker (2020) stand er nun als Seelsorger im Zentrum des Interesses.

Orden, Schönstatt und Diözesansynode

Gisela Fleckenstein (Speyer) sprach über Lorenz Jaeger und sein Verhältnis zu den Ordensgemeinschaften im Erzbistum Paderborn. Jaeger tauchte durch seine vielfältigen, persönlichen und intensiven Kontakte zu den im Erzbistum ansässigen Ordensgemeinschaften tief in alle Bereiche der Seelsorge ein. Durch die Missionstätigkeiten der Orden erhielt er Rückmeldungen aus dem außereuropäischen Bereich und konnte sich so privat und beruflich weltweit vernetzen. Er fühlte sich als Teil einer großen Ordensfamilie. Jaeger hatte Respekt vor dem Ordensstand und anerkannte die Ordensgemeinschaften als geistliche Gemeinschaften und Instrumente der Seelsorge, die in allen Teilen des Erzbistums unmittelbaren Kontakt zu den Gläubigen hatten. Sie waren für ihn das Herzstück seines Bistums. Wie Reaktionen auf den Nachwuchsmangel zeigen, war ihm die Verbreitung der Orden über das ganze Erzbistum wichtig. Sie verkörperten für ihn sichtbar die Repräsentanz von Kirche. Ihr Rückzug war für die Gläubigen daher ein Krisenzeichen.
Im Mittelpunkt des Beitrages von Joachim Schmiedl (Vallendar) stand die seit ihren Anfängen eng mit Bistum verbundene Schönstatt-Bewegung. Als Erzbischof war Jaeger mit den dogmatischen und pädagogischen Fragen, die in der Bischofskonferenz seit 1943 verhandelt wurden, vertraut. Ein besonderes Anliegen hatte er an die Schönstatt-Priester. Ein Säkularinstitut für sie lehnte er ab. Er vertrat die Position, dass ein Diözesanpriester keiner doppelten Jurisdiktion unterworfen sein dürfe. Die Einheit des Presbyteriums schien ihm nur zu erreichen, wenn der Bischof auch die Kontrolle über die spirituelle Zugehörigkeit der Priester behalten könne. Die römischen Eingriffe in die Schönstatt-Priestergemeinschaft Anfang der 1960er-Jahre scheinen bei ihm zumindest eine Minderung dieser rigorosen Ablehnung zur Folge gehabt haben.
Die Paderborner Diözesansynode von 1948 musste eine dreifach veränderte Situation gegenüber der Synode von 1922 berücksichtigen, wie Schmiedl in seinem zweiten Vortrag ausführte: Durch das Preußenkonkordat von 1930 war Paderborn Erzbistum geworden – die Synode hatte also auch eine gewisse Vorbildfunktion für die Suffraganbistümer Fulda und Hildesheim. Zu berücksichtigen war die Nachkriegssituation in der doppelten Hinsicht des Wiederaufbaus von Kirchen und Kirchengebäuden, aber auch der personellen Neuzusammensetzung von Gemeinden durch Migration, Flucht und Vertreibung. Und schließlich hatte die sprichwörtlich katholische Paderborner Diözese in ihrem sächsischen Teil eine Vervielfachung der Katholikenzahl erlebt. Für diese unterschiedlichen Situationen stellte die Diözesansynode ein umfassendes Pastoralprogramm auf, das sowohl die ordentliche als auch die kategoriale Seelsorge berücksichtigte. In diesem Programm sind die Rollen genau verteilt: Die letzte Verantwortung und Federführung liegt beim Erzbischof bzw. seinem Generalvikariat. Dort laufen alle Informationen zusammen, von dort aus werden alle Aufgaben übertragen – nihil sine episcopo. Auf lokaler Ebene sind die Priester, allen voran die zuständigen Pfarrer, die zentralen Pastoralagenten. Ihnen zugeordnet und von ihnen abhängig ist die Mitwirkung von Laien, denen genau definierte (abgegrenzte) Bereiche geöffnet sind. Die Paderborner Synode hatte die Organisation im Blick. Der Geist, wie er sich etwa in den spirituellen Strömungen der Zwischenkriegszeit gezeigt hatte (Bibel, Liturgie, Soziallehre etc.), wurde erwähnt, war aber nicht prägend.

"Seelsorge" für Missbrauchstäter?

Jaegers Umgehen mit Missbrauchstätern untersuchte Christine Hartig (Paderborn). Pastorales Handeln gehörte zu Jaegers Aufgaben als Bischof gegenüber straffällig gewordenen Klerikern. Barmherzigkeit und Zuwendung standen, wie ein Blick in das Kirchenrecht zeigt, neben disziplinarischen und strafrechtlichen Sanktionen. Für die Zeit des Nationalsozialismus verweist die Überlieferung auf die persönliche Kommunikation Jaegers mit Beschuldigten und seine Unterstützung von Klerikern in Gefängnissen und Konzentrationslagern, aber auch auf kirchliche Strafverfahren. Nach 1945 gewannen die pastorale Fürsorge und Sanktionen aufgrund der Leitungsbefugnis von Jaeger sowie Sanktionen auf dem Verwaltungswege gegenüber kirchlichen Strafprozessen an Bedeutung. Dies sowie die Auslagerung von Entscheidungen über die Weiterverwendung von Klerikern an die Psychiatrie und die nicht seltene Aufforderung an Beschuldigte, sich laisieren zu lassen, zeigen einen fehlenden Willen zur innerkirchlichen Auseinandersetzung mit den Tätern und ihren Taten. Dies spiegelt sich auch in fehlenden Quellen über ein seelsorgerisches Handeln Jaegers gegenüber den Betroffenen wider.

Flüchtlinge und Vertriebene als Herausforderung und caritatives Engagement

Michael Hirschfeld (Vechta) wies auf die Schlüsselrolle von Lorenz Jaeger in der Vertriebenenproblematik nach 1945 hin. Das Erzbistum nahm unter allen deutschen Diözesen den höchsten Anteil an vertriebenen Katholiken auf, und Jaeger stand dem Bonifatiusverein sowie dem Diaspora-Kommissariat der Fuldaer Bischofskonferenz vor. Folgerichtig gab Jaeger der neu gegründeten Katholischen Osthilfe in Lippstadt ein breites Betätigungsfeld insbesondere in sozialer Hinsicht. Angesichts von Rivalitäten der dort tätigen charismatischen Vertriebenenseelsorger entschied er sich zusätzlich zur Gründung eines eng an die Paderborner Bistums- und Pfarreistruktur angelehnten Kulturverbands, des St.-Hedwigs-Werkes. Dessen Ablehnung radikaler Kräfte im Vertriebenenspektrum und politische Anbindung an die CDU fand die nachhaltige Unterstützung des Erzbischofs, vor allem, weil das St-Hedwigs-Werk zeitweilig ein Drittel aller katholischen Vertriebenen im Westteil des Erzbistums an sich und damit an die Kirche band. Machtbewusst zeigte sich Jaeger hingegen gegenüber vertriebenen Bischöfen, deren Anstellung im Ostteil des Erzbistums er als Konkurrenz verstand und unterband.
Mit Lorenz Jaegers Rolle für die Caritas im Erzbistum Paderborn beschäftigte sich Arnold Otto (Nürnberg). Das Thema wird im Nachlass des Erzbischofs sehr umfassend abgebildet, weshalb sich der Referent auf die Jahre bis 1952 konzentrierte. Von der Gleichschaltung verschont, war die Caritas schon während des Zweiten Weltkrieges parallel zu den Hilfswerken des Staates und der NSDAP oft stark gefordert. Nach dem Ende des Krieges und der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt boten sich ihr Aufgaben von unübersehbarem Ausmaß. Otto schilderte, wie Jaeger diesen karitativen Herausforderungen begegnete: indem er die bestehenden und neue karitative Organisationen und soziale Fachverbände in ihrem (Wieder-)Aufbau begleitete, vor allem, indem er neben den bestehenden Gliederungen der verfassten Caritasarbeit ein „Caritashilfswerk für die Stadt Paderborn“ stellte, das er als schnelle Eingreiftruppe ohne Rücksicht auf das Reglement der eingetragenen Vereine selbst steuern konnte. Erst im Jahr 1951 stimmt Jaeger dessen Auflösung zu, womit auch der zeitliche Bezugsrahmen des Vortrags abgegrenzt wurde.

Hauptberufliches und ehrenamtliches Laienapostolat

Andreas Henkelmann (Paderborn) thematisierte Umbruchsprozesse, die den Beruf der Seelsorgehelferinnen während der 1960er- und 1970er-Jahre erfasste. Lorenz Kardinal Jaeger trug wesentlich dazu bei, indem er sich erfolgreich für einen Fachbereich Theologie an der 1971 gegründeten Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen einsetzte. Allerdings hatte er dabei nicht eine Modernisierung des Berufs der Seelsorgehelferinnen im Blick. Vielmehr ging es ihm und den anderen an der Gründung beteiligten Bischöfen primär darum, über ein theologisches Fachhochschulstudium ein attraktives Angebot für Priesteramtskandidaten ohne Abitur zu schaffen, die anschließend studienberechtigt waren.
Franz Hucht (Warburg) zeichnete die Entwicklung des Verhältnisses Jaegers zu den katholischen Laien von der Nachkriegszeit bis in die Konzilszeit nach. Während Jaeger ihnen zunächst im Sinne der Katholischen Aktion und in Ableitung vom hierarchisch gegliederten Apostolat der Kirche in Katholikenausschüssen eine wichtige Funktion für die christliche Rückeroberung im gesellschaftlich-weltlichen Bereich zumaß, wurden die Laien in den 1950er-Jahren von der internationalen katholischen Laienbewegung inspiriert und engagierten sich für lebendigere Pfarrgemeinden, ein eigenständiges Laienapostolat und die Verbesserung der Zusammenarbeit mit den Priestern. Jaeger musste sein im Bild des pater familias beschriebenes Verhältnis zu den Laien weiter fassen. Er wurde durch das Konzil vom Gedanken der Kirche als pilgerndes Gottesvolk erfasst, den er auf seine Vorstellung für das Zusammenwirken von „Amt“ und „Volk“ übertrug. Daraus resultierte die Gliederung der Erzdiözese in sieben Seelsorgeregionen und die Bildung des Diözesanpastoralrates als Gremium der pastoralen Mitverantwortung durch Priester und Laien.
Die zusammenfassende Abschlussdiskussion machte das Seelsorgeverständnis Jaegers deutlich, das traditionelle Züge aufweist. Jaeger pflegte vielfältige Kontakte auf allen Ebenen, verhielt sich aber bei Entscheidungen passiv abwartend. In seinem Erzbistum legte er großen Wert auf eine geordnete Organisation der Seelsorge, innerhalb der die kirchliche Hierarchie beachtet wurde. In seelsorglichen Entscheidungen agierte Jaeger durchaus machtbewusst. Konflikte versuchte er zu vermeiden.
Die abschließende Tagung des Projektes wird vom 25. bis 27. August 2022 zum Thema „Jaeger als Person“ stattfinden.
Der Tagungsband wird voraussichtlich im Sommer 2022 erscheinen.
(Gisela Fleckenstein)

Eine Bildergalerie von der Fachtagung wird in Kürze angefügt.

Tagungsübersicht

Gisela Fleckenstein (Speyer): Lorenz Jaeger und sein Verhältnis zu den Ordensgemeinschaften im Erzbistum Paderborn
Joachim Schmiedl (Vallendar): Lorenz Jaeger und die Schönstatt-Bewegung im Erzbistum Paderborn
Joachim Schmiedl (Vallendar): Die Diözesansynode von 1948
Christine Hartig (Paderborn): Jaegers Umgehensweisen mit Missbrauchstätern: Seelsorge, Tätersorge oder Institutionenschutz
Michael Hirschfeld (Vechta): „Ihr habt ein Recht darauf, die geraubte Heimat wieder zurückzuerhalten“. Lorenz Jaeger – ein besonderer Förderer der katholischen Vertriebenenseelsorge?
Arnold Otto (Nürnberg): Jaeger und die Caritas bis 1950
Andreas Henkelmann (Paderborn): Von der Seelsorgehelferin zur Gemeindereferentin / zum Gemeindereferenten. Lorenz Kardinal Jaeger und die Umwandlungsprozesse eines Laienberufs
Franz Hucht (Warburg): Vom Laienapostolat innerhalb des hierarchisch gegliederten Hirtenamts der Kirche zur Mitverantwortung in der Seelsorge

Der Tagungsband wird voraussichtlich im Sommer 2022 erscheinen.

Zitation
Tagungsbericht: Lorenz Jaeger als Seelsorger, 26.08.2021 – 27.08.2021 Schwerte, in: H-Soz-Kult, 05.10.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-9073>.
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