Nach sechs Jahren intensiver Forschungsarbeit an der Universität Paderborn konnten die Forscherinnen Prof. Dr. Nicole Priesching und Dr. Christine Harting den ersten Teil einer (kirchen-)historischen Untersuchung zu sexueller Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn vorlegen. Die Studie, der ein zweiter Teil im nächten Jahr folgen soll, beschäftigt sich mit den Amtszeiten der Paderborner Erzbischöfe und Kardinäle Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt. Sie umfasst damit den Zeitraum von 1941 bis 2002.
Gegenüber den in der MHG-Studie von 2018 für das Erzbistum genannten Daten, haben sich nach den Erkenntnissen der jetzt vorgestellten Veröffentlichung die Fallzahlen fast verdoppelt. Es ist jetzt von 210 Beschuldigten und 489 Betroffenen die Rede, wobei es sich nur um das sogenannte Hellfeld handelt.
Unter historischer Perspektive nimmt die Studie auch das gesellschaftliche Umfeld in den Blick. Professorin Priesching stellt fest: „Sogenannte ‚Bystander‘ und ‚Wächter‘ hatten häufig konkretes Wissen über Missbrauchstaten in ihrem Umfeld. Dazu gehörten auch die unmittelbar vorgesetzten Priester und Dechanten der Beschuldigten. Aber: Erwachsene in Aufsichts- und Leitungsfunktionen, sowohl vonseiten der Kirche als auch vonseiten der Gesellschaft, haben Fälle sexueller Gewalt in der Regel ignoriert.“ Gründe dafür seien die Sorge gewesen, einen Unschuldigen zu verdächtigen und Konflikte in der Gemeinde heraufzubeschwören. Gerüchte erzwangen das Einschreiten der erzbischöflichen Behörde eher insofern, als es galt, ein „Ärgernis“ zu beseitigen und einen öffentlichen Skandal zu vermeiden. Prieschings Fazit: „In vielen Fällen wurden Vorwürfe totgeschwiegen. Wurde der Priester versetzt, gab man sich zufrieden.“
Damit kommen – wie schon in vorausgegangenen Studien – die Verantwortlichen des Erzbistums, hier vor allem die Erzbischöfe Jaeger und Degenhardt, in den Blick. Die Wissenschaftlerinnen sprechen von einer Vertuschungsspirale, indem beschuldigte Kleriker, Verantwortliche in der Bistumsleitung bis hin zu den Erzbischöfen bisweilen Einfluss auf Betroffene und ihre Angehörigen nahmen, um auf Anzeigen zu verzichten. „Deshalb gingen viele Dechanten und Pfarrer davon aus, dass stillschweigend von ihnen erwartet wurde, ebenfalls Druck auf Betroffene auszuüben“, konstatiert Priesching. Durch diese Spirale der Vertuschung blieben Betroffene den Tätern weiter ausgeliefert.
An der Universität wird noch an einer zweiten Teilstudie gearbeitet, die die Amtszeit von Degenhardts Nachfolger, Erzbischof Hans-Josef Becker und somit die Jahre 2003-2022 umfassen wird. Eine Veröffentlichung dieses zweiten Teils ist im Herbst 2027 geplant.