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Missbrauch im Erzbistum Paderborn - Eine kirchenhistorische Studie

Die Studie zur sexuellen Gewalt an Minderjährigen in den Amtszeiten der Erzbischöfe Jaeger und Degenhardt (1941-2002) ist im März 2026 erschienen. Ein zweiter Teil zur Amtszeit von Erzbischof Becker (2003-2022) soll Ende 2027 folgen.

Projektstart: Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs aus kirchenhistorischer Perspektive (Februar 2020)

Die Diskussion um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland hat die Kommission veranlasst, auf der Grundlage eines Aktenbestandes überwiegend aus der Amtszeit Erzbischof Jaegers eine Vorstudie zu erarbeiten. Diese war Anlass für die Initiative, der Bistumsleitung ein kirchenhistorisches Forschungsprojekt vorzuschlagen.

In einer Rahmenvereinbarung mit der Universität Paderborn brachte das Erzbistum im Sommer 2019 ein unabhängiges Forschungsprojekt mit dem Ziel der Aufarbeitung von Fällen des sexuellen Missbrauchs auf den Weg. Unter dem Titel „Missbrauch im Erzbistum Paderborn – Eine kirchenhistorische Einordnung. Die Amtszeiten von Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt (1941-2002)“ soll die Studie Erkenntnisse zum Umfang des Missbrauchs, über die Gewalterfahrungen der Betroffenen und die daraus resultierenden Folgen für ihren weiteren Lebensweg sowie zu den Umgangsweisen der Verantwortlichen liefern.

Auftrag an den Lehrstuhl für Religions- und Kirchengeschichte

Das auf drei Jahre angelegte Projekt wird von Professorin Dr. Nicole Priesching, Inhaberin des Lehrstuhls für Religions- und Kirchengeschichte an der Universität Paderborn, geleitet. Dr. Christine Hartig, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl, ist mit der Bearbeitung des Forschungsauftrags betraut. Für eine umfassende Aufarbeitung hat Generalvikar Alfons Hardt uneingeschränkten Aktenzugang zugesichert. Die beiden Wissenschaftlerinnen unterliegen keiner Weisungsbefugnis des Erzbistums und sind in der Gestaltung ihrer Arbeit unabhängig.

Ziel der Untersuchung

„Es gilt herauszufinden, welche Personenkreise innerhalb der Kirche von Missbrauchsfällen wussten, wie Entscheidungen über das Ergreifen oder Unterlassen weiterer Maßnahmen getroffen wurden und ob strukturelle Bedingungen existierten, die Missbrauchshandlungen fördern konnten“, erklärt Priesching. Alle bisherigen Forschungsergebnisse legen der Wissenschaftlerin zufolge nahe, dass sich die kirchlichen Institutionen lange vor einer Auseinandersetzung mit diesem Thema gescheut und so das Leid der Betroffenen nicht ausreichend anerkannt haben. „Auch gesamtgesellschaftlich wurden Ausmaß und Folgen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen anhaltend unterschätzt und als ‚Ausnahmehandlung‘ betrachtet. Vor diesem Hintergrund sollen auch die kirchlichen, juristischen und medizinischen Fachdebatten analysiert werden, die eine solche Haltung begünstigt haben“, so Priesching weiter.

Analyse von Akten und Zeitzeugnissen

Neben der Analyse administrativer Quellen aus kirchlichen und staatlichen Archiven, darunter Personal- und Strafakten, gehören Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zum Forschungsprojekt. Die Ergebnisse sollen der Öffentlichkeit nach Projektende in Buchform zugänglich gemacht werden.

Ausdehnung der Forschungen auf die Amtszeit Erzbischof Beckers

Auf Empfehlung der im August 2022 gegründeten unabhängigen Aufarbeitungskommission des Erzbistums wird der Forschungsauftrag auf die Amtszeit des im Oktober 2022 emeritierten Erzbischofs Hans-Josef Becker ausgeweitet. Dieses zweite Teilprojekt wird ebenfalls am Lehrstuhl von Professorin Priesching erarbeitet. Schwerpunktmäßig wird sich der Historiker Jan Jeskow dieser Aufgabe widmen. Auch die Ergebnisse dieser Teilstudie sollen in Buchform veröffentlicht werden.

 

Der Zwischenbericht zum Forschungsprojekt (Dezember 2021)

In einem Interview mit dem Magazin Der Dom geben die beiden Historikerinnen Prof. Dr. Nicole Priesching und Dr. Christine Hartig einen Zwischenbericht zu dem Forschungsprojekt der Universität Paderborn.

Bisher haben die Wissenschaftlerinnen 160 Beschuldigte im Zeitraum von 1941 bis 2002 für das Erzbistum Paderborn identifiziert. Im Zuge der Untersuchungen können sich noch weitere Hinweise ergeben. Zu den Betroffenen können sie keine Zahl nennen. Priesching: „Die Zahl der Beschuldigten gibt nicht einfach die Zahl der Betroffenen wieder, da ca. 43 Prozent mehrfach beschuldigt wurden. Und wir haben das Problem, dass die Betroffenen in den Personalakten oft nicht kenntlich gemacht sind. Man ist den Fällen auch nicht so nachgegangen, dass man versucht hätte, alle Opfer zu ermitteln. Da ist also noch viel stärker als bei den nicht erfassten Beschuldigten mit einer Dunkelziffer zu rechnen.“

Für die Kardinäle Jaeger und Degenhardt können die beiden feststellen, dass es eine Fürsorge für die Beschuldigten gegeben hat, teilweise auch schriftlich ausgedrücktes Mitgefühl, aber nicht gegenüber den Betroffenen. „Durch die Versetzungspolitik hat man in Kauf genommen, dass sich Dinge wiederholen, und genau das ist dann ja auch leider immer wieder passiert. In manchen Fällen hat es Vereinbarungen mit Staatsanwaltschaften gegeben, dass auf Bewährung verurteilte Täter nicht mehr in Gemeinden eingesetzt werden sollen, und dennoch ist das geschehen“, so Priesching weiter. Außerdem wurde durch Angehörige des Erzbistums Druck auf Betroffene und ihre Familien ausgeübt, keine Anzeige zu erstatten.

Zum vollständigen Interview in Der Dom…

Erster Teil der Studie zur sexuellen Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn erschienen (März 2026)

Nach sechs Jahren intensiver Forschungsarbeit an der Universität Paderborn konnten die Forscherinnen Prof. Dr. Nicole Priesching und Dr. Christine Harting den ersten Teil einer (kirchen-)historischen Untersuchung zu sexueller Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn vorlegen. Die Studie, der ein zweiter Teil im nächten Jahr folgen soll, beschäftigt sich mit den Amtszeiten der Paderborner Erzbischöfe und Kardinäle Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt. Sie umfasst damit den Zeitraum von 1941 bis 2002.

Gegenüber den in der MHG-Studie von 2018 für das Erzbistum genannten Daten, haben sich nach den Erkenntnissen der jetzt vorgestellten Veröffentlichung die Fallzahlen fast verdoppelt. Es ist jetzt von 210 Beschuldigten und 489 Betroffenen die Rede, wobei es sich nur um das sogenannte Hellfeld handelt.
Unter historischer Perspektive nimmt die Studie auch das gesellschaftliche Umfeld in den Blick. Professorin Priesching stellt fest: „Sogenannte ‚Bystander‘ und ‚Wächter‘ hatten häufig konkretes Wissen über Missbrauchstaten in ihrem Umfeld. Dazu gehörten auch die unmittelbar vorgesetzten Priester und Dechanten der Beschuldigten. Aber: Erwachsene in Aufsichts- und Leitungsfunktionen, sowohl vonseiten der Kirche als auch vonseiten der Gesellschaft, haben Fälle sexueller Gewalt in der Regel ignoriert.“ Gründe dafür seien die Sorge gewesen, einen Unschuldigen zu verdächtigen und Konflikte in der Gemeinde heraufzubeschwören. Gerüchte erzwangen das Einschreiten der erzbischöflichen Behörde eher insofern, als es galt, ein „Ärgernis“ zu beseitigen und einen öffentlichen Skandal zu vermeiden. Prieschings Fazit: „In vielen Fällen wurden Vorwürfe totgeschwiegen. Wurde der Priester versetzt, gab man sich zufrieden.“

Damit kommen – wie schon in vorausgegangenen Studien – die Verantwortlichen des Erzbistums, hier vor allem die Erzbischöfe Jaeger und Degenhardt, in den Blick. Die Wissenschaftlerinnen sprechen von einer Vertuschungsspirale, indem beschuldigte Kleriker, Verantwortliche in der Bistumsleitung bis hin zu den Erzbischöfen bisweilen Einfluss auf Betroffene und ihre Angehörigen nahmen, um auf Anzeigen zu verzichten. „Deshalb gingen viele Dechanten und Pfarrer davon aus, dass stillschweigend von ihnen erwartet wurde, ebenfalls Druck auf Betroffene auszuüben“, konstatiert Priesching. Durch diese Spirale der Vertuschung blieben Betroffene den Tätern weiter ausgeliefert.

An der Universität wird noch an einer zweiten Teilstudie gearbeitet, die die Amtszeit von Degenhardts Nachfolger, Erzbischof Hans-Josef Becker und somit die Jahre 2003-2022 umfassen wird. Eine Veröffentlichung dieses zweiten Teils ist im Herbst 2027 geplant.

Priesching/Harting: Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941-2002) 

In gedruckter Form ist die Studie im Verlag Brill-Schöningh Paderborn erschienen.

Informationen der Universität Paderborn… 

Informationen des Erzbistums Pderborn… 

Kontakt gesucht

Die am Projekt Beteiligten,  Dr. Christine Hartig und Jan Jeskow bitten Betroffene von sexuellem Missbrauch durch Geistliche im Dienst des Erzbistums Paderborn und Menschen, die von solchen Taten Kenntnis hatten, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Dabei geht es nicht nur um die besonders schweren Taten, sondern es geht darum, ein genaues Bild über Taten, ihre Hintergründe und den Umgang damit zu bekommen. Alle Aussagen und Interviews werden vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergeleitet. Alle Informationen werden anonymisiert, sodass dem Persönlichkeitsschutz der Betroffenen höchste Priorität zukommt. Auch Betroffene, die kein Interview geben möchten, können den Wissenschaftlerinnen einschlägige Informationen und Dokumente zur Verfügung stellen.

Kontakt:

Institut für Katholische Theologie
Lehrstuhl für Kirchen- und Religionsgeschichte
Warburger Str. 100
33098 Paderborn
Besucheradresse: Technologiepark 6

 

Für die Amtszeiten Jaeger/Degenhardt (1941-2002):
Dr. des. Christine Hartig
Tel.: 05251 60 4432 (Montag-Mittwoch)
E-Mail: christine.hartig@uni-paderborn.de

 

Für die Amtszeit Becker (2003-2022):
Jan Jeskow
Tel.: 05251 60 4427
E-Mail: jan.jeskow@upb.de

Weitere Forschungen und Gutachten zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche

Eine Übersicht über veröffentlichte wissenschaftliche Studien und juristische Gutachten zu sexuellem Missbrauch in den deutschen (Erz-)Bistümern sowie in einzelnen kirchlichen Einrichtungen haben wir hier für Sie zusammengestellt. Dort finden Sie auch Informationen über laufende oder angekündigte Studien, Gutachten und Forschungsprojekte.